Albtraum deutscher Autojournalisten: Elektroautos

Ich finde das schon okay von Tesla – so haben sie wenigstens einen Weg gefunden, sich selbst zu ruinieren. 
Stefan Anker / Foto: Wikipedia

Tesla-bashing ist in. Einigen der Journalisten der Abteilung Auto/Motor/Sport scheint es ernsthaft auf den Senkel zu gehen, dass dieses Auto nicht nur fährt, sondern auch noch erfolgreich ist. Und sie sammeln fleißig Argumente gegen Tesla. Das ist ziemlich lustig, wenn ausgerechnet jene, die beruflich den Beschleunigungsspaß ihnen zur Verfügung gestellter Boliden in journalistisches Hosianna übersetzen, plötzlich feststellen, dass „kein Mensch ein Elektroauto wie den Tesla Model S wirklich braucht – nicht mal die, die es schon gekauft haben.“ (Stefan Anker)

Wie zum Beispiel Stefan Anker im Auto-Magazin „PS“ der WELT vom 2. Dezember 2015. Wir haben diesen Artikel genauer gelesen und meinen: Themaverfehlung.  In Wahrheit geht es hier um etwas anderes:

Lieber Stefan Anker,
in Ihrem Artikel Der große Irrtum mit dem Tesla  in dem Magazin mit dem schönen Namen „PS“ geht Ihnen ja richtig die Hutschnur hoch:
Ich bin es langsam leid. Sobald irgendwo ein Tesla Model S um die Ecke schielt, bekommen alle Schnappatmung.(…) Alles Penner zwischen Wolfsburg und München, haben nix verstanden, warum bauen die nicht so ein Auto?

Dem gegenüber klären Sie uns im Ton eines genervten Oberlehrers auf, dass deutsche Automobilhersteller kein ernstzunehmendes Stromauto bauen, weil
a) dergleichen niemand braucht,
b) Sie persönlich sich „kein 700-PS-Auto kaufen (würden), um immer schön langsam über die Autobahn zu rollen“,
c) Tesla-Fahrer verantwortungslose Schmarotzer sind, die „mit schwerem rechtem Fuß Gratis-Strom verballern“ – wo sie doch eben noch „langsam über die Autobahn“ rollten,
d) in Deutschland gar kein Platz wäre für den von Ihnen ermittelten Bedarf von 900.000 Ladestationen, falls wir alle mit Strom fahren würden,
e) wir dann noch mehr Windkraftanlagen aufstellen müßten, was bekanntlich keiner will und deshalb auch nicht geht,
f) Tesla eigentlich längst Pleite ist und nur noch existiert, weil Elon Musk sich auf dubiose Weise immer wieder Kapital besorgt,
g) und so weiter und so fort.

Deshalb rufen Sie den Tesla-Fahrern zu:
Die meisten haben für ihr Auto mehr als 100.000 Euro bezahlt und würden niemals zugeben, sich geirrt zu haben. Dabei ist genau das passiert: Sie haben sich das falsche Auto gekauft.

Lieber Stefan Anker, warum bereitet Ihnen die Vorstellung, dass immer mehr Menschen „sich das falsche Auto kaufen“ könnten, schlaflose Nächte? Wieso versteigen Sie sich zu der absurden Behauptung, besser als alle Tesla-Besitzer zu wissen, was für sie die richtige Entscheidung sei? Warum soll keiner „mit 700 PS langsam über die Autobahn rollen“ dürfen, bloß weil Sie das nicht wollen?

Wo soviel Irrationalität und Emotionalität zusammentreffen, sprechen Ängste. Diese Ängste wollen ausgeleuchtet werden. Und plötzlich verstehen wir:

Sie haben Angst vor einem Deutschland, in dessen Städten nur noch das sanfte Surren elektrischer Autos zu vernehmen ist und auf dessen Autobahnen die meisten Autos unaufgeregt mit 130 Sachen ihrem Ziel entgegen rollen.

Darum geht es in Wirklichkeit: Mit dem Tesla ist das Elektroauto mit einem Mal von Muttis belächelten Milchholgefährt zum echten Albtraum der Hubraum- und Turbo-Junkies geworden. Zum Albtraum von einer Welt voller E-Porsches und E-Ferraris, die klingen wie eine Straßenbahn und keinen Tropfen Öl mehr brauchen. Zum Albtraum der geräuschlosen Beschleunigung und des adrenalinreduzierten Überholmanövers.

Kurz: Zur Angst vor dem Verlust der Fetische einer Männlichkeit, die sich durch Motorensound, Abgashitze und Endrohrdurchmesser definiert.

In Wahrheit, Herr Anker, haben Sie Angst vor der Verweiblichung des Individualverkehrs. Ein Tesla taugt wohl nur bedingt als Schwanzersatz. Elon Musk und seine Autos befördern in deutschen Automobiljournalisten tief sitzenden Kastrationsängste nach oben.

Darüber hinaus: wenn diese Verweiblichung des Individualverkehrs erst stattgefunden hat, wer soll dann noch Magazine wie das mit dem schönen Namen „PS“ kaufen? Ist ja schon schlimm genug, dass die Hersteller gewisser Stromautos gar keine Leistung mehr angeben, weil diese kokusnussgroßen Motoren sowieso mehr Kilowatt als genug leisten.

Wenn diese Welt also Wirklichkeit wird, wer braucht dann noch Autoren wie Sie?

Doch seien Sie beruhigt: So schlimm wird es nicht kommen. Der deutsche Verbrennungsmotor wird nicht aussterben. So wie viele von uns heute ihre Liebe zu mechanischen Uhren entdecken, wird auch der Benziner immer wertvoller werden: als Rarität. Typen wie Sie bleiben also gefragt.

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